Damals war es…

„Es war einmal…“ so fangen eigentlich immer die Märchen an und enden mit „wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch“. Nein, es ist kein Märchen, sondern knallharte Geschichte, die auch mein Leben änderte und beeinflusste. In den letzten Wochen häuften sich auf allen TV-Sendern die Berichte, Rückblicke und Statements zum 50. Jahrestag des Mauerbaues der DDR am 13. August 1961. Selbst die MOZ als Regionalzeitung hat Zeitzeugen gesucht und an diese appelliert, sich öffentlich des Datums und der persönlich erlebten Ereignisse zu erinnern. 50 Jahre seit 1961 sind im Verlauf eines Lebens schon eine gehörig lange Zeit. Viele der Großeltern und Eltern, die vor und am 13. August 1961 uns damals Jüngeren eine Menge an Meinung und Verhalten mit auf dem Weg gaben, sind schon lange nicht mehr am Leben und haben zum Teil den Mauerfall 1989 nicht mehr erleben können.
Anfang August 1961 wurde ich gerade 15 Jahre alt und habe sofort und in aller Ungeduld meinen „Berechtigungsschein für Kleinkrafträder“ bei der Polizei in der Wriezener Straße gemacht. Das Ganze dauert maximal eine Stunde, Fragen zur Vorfahrt und einiges mehr mussten richtig beantwortet und 8 Mark bezahlt werden. Dafür bekam man einen Schein mit Siegel und Unterschrift des uns Abfragenden in grüner Uniform. Die Frage von uns, warum jetzt so viele Autos auf dem Hof stehen, wurde einfach überhört. Es war die Zeit, wo seit einigen Wochen ähnlich wie Steckbriefe große gedruckte Zettel an Haltestellen der Straßenbahn, an Bahnhöfen der S-Bahn in Strausberg, an Wänden neben Eingängen von HO und Konsum geklebt waren mit Namen von Menschen aus Strausberg, die in Westberlin arbeiteten. Grenzgänger waren somit die Sozialismusverderber! Das mit den großen gedruckten Zetteln hinterließ bei mir den Eindruck von Gehörtem aus der Geschichte. Damals sind Sterne auf Schaufensterscheiben geschmiert worden… Öffentliche Verfolgung!
Mit dem Schein konnte ich nun die avisierte Ferienarbeit als Telegramm- oder Eilbote bei der Post per Moped (Motor und Pedale) SR2 aufnehmen. Das ging am 03. August in der Frühe um 6 Uhr los. Stolz knatterte ich mit dem Moped und der großen umgehangenen roten Telegrammtasche durch die Gegend. Telegramme waren regelmäßig über den Tag vom Fernamt in der Wallstraße abzuholen. Dort in der alten Post, oben zur Seite der Wallstraße standen die Fernschreiber und einige Frauen waren ununterbrochen damit beschäftigt, die aus den Fernschreibern „ausgespuckten“ schmalen Streifen mit Buchstaben und Zahlen auf Telegrammformulare zu kleben, diese Formulare zu falten und mit einer Klebestelle zu verschließen – ja, Postgeheimnis. Manchmal hat der komische braune Bürokleber das nicht zusammengehalten und dann gab es Stress mit dem Fernamt, warum die Telegramme nicht verschlossen waren, sonst hätte ich den schwarzen Peter gehabt wegen Verstoß gegen Postgeheimnis. Wieder aufgegangene Telegramme kamen wieder zum Fernamt zurück gegen Unterschrift wie beim Empfang. Es war ja eine richtige Aufgabe mit richtiger deutscher Ordnung.
Zwischendurch zum Mittag war ich immer kurz zu Hause zum Mittagessen. Was mir meine Mutter dort so erzählte über politische Geschehnisse rasselte mir wirr durch den Kopf. Politik oder so etwas nach Pioniere interessierte mich bis dato fast überhaupt nicht, hiesige Radiosender interessierten mich wegen der laschen und lauen Musik überhaupt nicht. Rias war gestört und mit meinem alten selbst reparierten Volksemfänger vor Gekreische fast gar nicht zu hören, Radio Luxemburg auf Kurzwelle in 49 Meter mit Musik von Camillo war mit einer langen L-Antenne quer über den Hof gespannt vor allem am Wochenende das Thema. Meine Mutter und mein Großvater meinten schon seit Wochen „die machen die Grenzen zu“. Ja was hieß das? „Wir sollten noch rechtzeitig abhauen ehe es nicht mehr geht“ Ja was hieß das nun wieder? Alles stehen und liegen lassen, Freunde nicht mehr sehen, ohne in der FDJ zu sein ab September zur Oberschule zu gehen fürs Abitur. Das war für mich völlig unvorstellbar, das nun gerade erwachsen werden hier aufzugeben.
In der Woche merkte ich täglich, wie die große rote Telegrammtasche immer voller wurde, dass meine Touren immer weiter in Strausberg wurden. Ich hatte bis 18 Uhr in 12 Stunden mehr als genug zu tun, um alle Telegramme gegen Unterschrift zuzustellen. Die Sache mit den schlecht oder fast nicht verschlossenen Telegrammen und den damit verbundenen Stress löste ich so, dass ich mir im Schreibwarenladen Proksch in der Großen Straße für 70 Alupfennige eine Tube Duosan-Rapid kaufte. Damit hielten nun alle Telegramme am Verschluss, für den endgültigen, was ich selbst machte. Aber Duosan für 70 Pfennige kam für die Post und fürs Fernamt nicht in Frage, war wohl nicht so geplant, und außerdem war kein Pinsel dran wie beim braunen Bürokleber.
Am 12. August war ein schlimmer Zustelltag, heute würde man fast Super Gau dazu sagen. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, es war der letzte Tag wo in der Zustellung internationale Telegramme dabei waren. Die waren durch Streifen gekennzeichnet. Diese internationalen Telegramme waren zu fast 100 Prozent Telegramme aus dem Westen. Diese Westtelegramme häuften sich im Laufe der Woche schon ganz schön, doch am 12. August war es extrem. Dort wo ich bisher die Telegramme zustellte, kamen nach dem Klingeln an der Haustüre immer Menschen mit freundlichen Gesichtern zur Abnahme und quittieren diese. Das änderte sich nun etwas, bescheidenes Trinkgeld wurde noch bescheidener. Am 13. August, es war ein freundlicher Sonntag, bin ich pünktlich um 6 Uhr zur Ferienarbeit in der Baracke der Post in der Berliner Straße erschienen. Zu Hause war noch alles ruhig gewesen. Doch die anderen wenigen Kollegen wussten es schon genau „Mensch Jürgen, die Grenzen sind zu, na gute Fuhre“. Dann fuhr ich mit dem knatternden Moped Richtung Fernamt, kaum waren Menschen zu dieser Zeit zu sehen. Die Frühschicht im Fernamt war anwesend, einige hatten an diesem Tag sogar den „Bonbon“ dran, das Parteiabzeichen. Das fiel auf… Auch der Zustellvorgang war etwas anders. Es musste jetzt in zwei Listen quittiert werden, doch die meisten Telegramme waren immer noch schlecht verschlossen. Eine Sache für mich und Duosan… Was sehr auffällig war – es waren absolut keine Westtelegramme mehr dabei. Mit der Zeit war dann zu erfahren, dass die Leitungen in der Nacht durch die DDR gekappt wurden. Bis zum Mittag zu Hause hatte ich mäßig zuzustellen, die Leute waren allesamt ganz kurz angebunden, Trinkgeld war jetzt null.
Mittags zu Hause erfuhr ich nun mehr. ARD in Schwarz-Weiß brachte es und auch meine Langdrahtantenne brachte etwas auf meinem alten Volksempfänger und das UKW-Radio der Eltern in der guten Stube ließen uns alles erfahren. Wir die DDR, haben die Imperialisten abgewehrt, den Bonner Ultras es gezeigt… Ein ganz Eifriger war Karl-Eduard vom Knack-Kanal. Solche Parolen waren es gewesen. Der ist ja fast aus dem Fernsehkasten herausgehüpft um uns persönlich zu “festigen”. Für mich stand somit fest „sollen die doch ihre Telegramme selbst ausfahren, wenn so viele mit MP‘s tagelang rumstehen und uns hinter Stacheldraht einsperren, die werden einen für den Job übrighaben-ich nicht mehr“. Am nächsten Morgen, Montag den 14. August gab ich beim neuen Oberpostler mit dickem „Bonbon“, der war bisher eher eine kleine Leuchte, in der Postbaracke alles ab, das Moped mit Zulassung und die große rote Tasche mit den übrig gebliebenen Telegrammen vom 13. August. 130 Mark für die knapp zwei Wochen waren der Lohn, um davon noch einige Sachen für die am 1. September beginnende EOS-Zeit zu beschaffen. Damit begann letztlich meine Zeit des stark erwachten politischen Interesses ausgehend von der Tatsache der ideologisch straff gespannten Zügel und die dann im heißen Herbst aktuelle Sache mit Gartenschläger, Resack, Höpfner und andere. Über folgende 28 Jahre kann sicher jeder, der nicht unbedingt in die DDR verliebt war, eine Menge erzählen. Nur so viel, die EOS ohne meine FDJ-Mitgliedschaft härtete für das weitere Leben schon mal anfänglich ab.
In den 70igern sagte ein betagter gut 80 jähriger Nachbar, er war so lange wie ich ihn als Kind schon kannte als „Telefonpostler“ mit dem Fahrrad unterwegs, zu mir „Junge, ziemlich 50 Jahre war ich mit Fahrrad auf Linie (Telefonleitungen an den Masten) unterwegs, drei Diktaturen habe ich erlebt, den Kaiser, die Nazis und jetzt die DDR – was habe ich nun davon mit 225 Mark Rente und eingesperrt. Ums Leben betrogen wurde ich, von der DDR die längste Zeit“. Hatte er Recht? Das war Verbitterung und das Wissen, es nicht ändern zu können. Bis zum Jahr 1989, was er selbst nicht erlebte, war es noch viel Zeit ohne zu wissen, dass die Zeit für uns noch kam und die vergangenen 28 Jahre hinter Mauer und Stacheldraht endete, obwohl die Kollegen Erichs und Egon und wie sie hießen es fast g
ebetsmühlenhaft über uns brachten “vorwärts immer, rückwärts nimmer” und ” den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf”. Obwohl weder Ochs noch Esel, aber es waren Mehrheiten, die Mut hatten und sich nicht unterbuttern ließen, die den Kollegen Erichs und Egon und wie sie hießen die Mauer einfach wegnahmen und diese aufmachten und schließlich abrissen – bis auf kleine Stücke zum Erinnern. Diese Jahre des Alltages und unseres Lebens wären andere Geschichten.

5 comments to Damals war es…

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    Ich glaube, dass es noch genügend der Altvorderen gibt, die sich den 13. August 1961 noch heute schönreden, aber jetzt mit Westgeld. Die “Junge Welt” haben wir schon 1966 beim Komiss in kleinen viereckigen Zetteln, vorher sauber zerschnitten, auf dem Klo verwendet – ungelesen!
    Etwas anderes ging damit nicht zu machen. Aber Papier ist ja eben geduldig – zu jeglichem Zweck.

  • Thomas

    …das sind die Geschichten aus dem Leben, die dass Erlebte für nach folgende Generationen begreiflich machen. Und die, die heute den “schönen kuscheligen Zeiten” nachtrauern,stelle ich oft nur eine Frage: Worin bestand der Sinn eines Sozialismus, der angeblichen Überlegenheit gegenüber dem faulenden Kapitalismus,wenn ich meiner eigenen Bevölkerung seit 1957 unter Strafe androhte das Land zu verlassen? Eine brauchbare Antwort dazu habe ich NIE erhalten. Die Genossen flüchten sich dann in Floskeln wie…Frieden gerettet in Europa und solch Gedöns. Das bis 1961 2 Millionen das Land verlassen haben, war sicher eine gezielte Aktion des Imperialismus Bonner Prägung. Aber so ist es in Diktaturen, wenn nichts mehr geht stimmen die Menschen mit den Füßen ab. Und das die Staatsform des Sozialismus nicht funktioniert, haben wir in Deutschland von 1933-1989 erlebt. Weder Nationalsozialismus, noch der Sozialismus sowj. Prägung funktionierte. Und liebe Mitleser und Genossen bevor ihr jetzt ausflippt, weil ich es mir erlaube das miteinander zu vergleichen, ja ich meine es ernst. Jetzt nicht kommen mit Ausreden…ja die DDR hat kein Krieg geführt usw…Beides waren/ sind Diktaturen wo der einzelne nichts zählt, wo anders denkende bekämpft wurden. Stalin hat während seiner Zeit mehr Menschen umbringen lassen, als und bekannt ist. Im Namen des Kommunismus starben mehr Menschen als zu beiden Kriegen. Dank der Ideologie und Helfer wie Lenin, Stalin, Mao, Che Guevara war das möglich. Und wenn wir sehen in welchem Land doch der Sozialismus erträgliche Früchte trägt, da fällt mir ein Kuba, Nordkorea, dann rate ich den Menschen die ja alles soooo schön fanden, geht mal hin nach Havanna oder Pjöngjang. Mal sehen wie lange es dort die Leute aushalten. Aber da ist ja auch der amerikanische Imperialismus schuld, dass es den Länder dort nicht gut geht. Schlussendlich noch eine Sache zum Mauerbau. Das was das kommunistische Agit-Propagandablatt “Junge Welt” letzte Woche losgelassen hat, zeigt den ideologischen Sinn dieser Zeitung und deren Unterstützer, Sponsoren. Ach so, die Junge Welt unterstützt natürlich, wenn man den Propagandaplakaten in Strausberg glauben darf das Friedensfest der Linken. Schöne Partner hat man sich ins Boot geholt. Na dann Genossen,auf auf zum Kampf.. dann kämpft mal schön weiter für den Frieden.

  • admin

    Es ist tatsächlich so, wenn man älter wird erinnert man sich ganz klar an Dinge als wäre es vorige Woche passiert, ohne schön zu denken oder schön zu reden. Wichtig ist es, dass es nicht vergessen wird…

  • Danke! Unter all dem womit die Zeitzeugen die Zeugnisse dieser Zeit verdrehen ist es schön einmal von einen unbefangenen Zeugen dieser Zeit zu hören.

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