Jetzt beginnt die Revolution, die friedliche…

Ich schreibe folgende Gedanken aus der Sicht auf, wie sich bei mir die Eindrücke von den Ereignissen der Zeit vor etwa 20 Jahren einprägten. Einen Anspruch auf volle Objektivität ist nicht gegeben weil eben subjektiv.

 

November 1989

In Berlin versammelten sich selbstständig und ohne Demonstrationsaufruf der Alt-Oberen von damals einige Hunderttausend Bürger, um zu protestieren gegen die Alt-Oberen, deren festhalten an der Macht, die ihnen Stück für Stück schon entglitten war und weiter entgleiten wird. Es war anders wie sonst, es war die Stimmung etwas Neues zu wagen, zu erkämpfen ohne Gewalt. Käte Reichelt sagte:“Nie wieder Fahnenappell“ – alles jubelte und applaudierte. Der Grand-Senior Stefan Heym machte Mut „wieder den aufrechten Gang zu wagen“. Das saß und gab leise Gänsehaut – wie machen wir das? Es waren aber auch Andere mit auf dem Alex – Vertreter der Alt-Oberen wie Schabowski und Wolf, die jetzt vom Kollegen Egon angeführt wurden. Der Mut vor der riesigen Menge zu reden ist anzuerkennen, sie hatten auch die Chance alles zu sagen, hatten jedoch null Chance mit ihren Worten die Menschen „mitzunehmen“, dass es wirkte. Es gab an diesem Tag keinen verordneten Beifall!

Einige Tage später ließ uns der Kollege Schabowski, uns- das waren die damaligen DDR-Bürger, infolge einer kleinen beiläufigen Bemerkung während einer Pressekonferenz nun auf einmal in den Westen fahren – ohne besonderen Anlass und nur weil wir Arbeiter und Bauern waren und eine ganze Menge der Arbeiter und Bauern jeden Montag in Leipzig auf der Straße waren und Gehorsam verweigerten und viele Arbeiter und Bauern in West-Botschaften in Warschau und Prag geflüchtet sind und so aus der DDR ausreisen wollten. Die Macht des Volkes, auch immer wiederkehrend auf der Straße, war nicht mehr aufzuhalten.

Man hatte aber auch neben der „beginnenden friedlichen Revolution“ eine Familie, für die man Verantwortung trug, ging arbeiten um diese zu versorgen. Jeder Tag brachte das Fernsehen, ob Ost oder West, immer Neues mit der oft damit verbundenen Frage – was ist wenn es wieder anders kommt? Der Kollege Egon ist ja im Spätsommer extra in China gewesen, um zu erfahren wie dort eine „friedliche Revolution“ stattfinden darf!

In Strausberg organisierte das Neue Forum eine Demo im Kulturpark, der Wiese an der Wriezener Straße wo größere Kulturveranstaltungen vom Platzbedarf im stattfanden. Es kamen nach Angaben vom Organisator mehrere Tausend Strausberger zusammen mit dem Willen “verändern ohne Gewalt“ und „Aufgabe des Alleinvertretungsanspruches der SED“.

 Vielleicht waren zuvor  in den 40 Jahren DDR nie so viele Menschen aus eigenem Wollen in Strausberg zu einer Demo gegangen.  Verschiedene Redner streuten ihre Visionen und Befindlichkeiten von der improvisierten Bühne auf die Versammelten, die begeistert applaudierten und einigermaßen zufrieden, sich angeregt unterhaltend mit neuen Eindrücken dann nach Hause gingen.

Dezember 1989

Dann war „großpolitisch“ erst einmal Ruhe verordnet (meinet man), außer dass im Dezember 1989 ein Parteitag der SED stattfinden sollte. Viele hatten die ehrliche Hoffnung, dass die SED sich auflösen würde. Das wäre nach Meinung vieler meiner Bekannten, nicht nur aus Strausberg, nicht nur aus der DDR, eine höchstnotwendige Konsequenz gewesen. Doch diese Hoffnung wurde auch bei mir nach drei interessanten Fernsehtagen mit der dann erfolgten „Umfirmierung“ in PDS enttäuscht. Aus heutiger Sicht hatte das mit Neuanfang nichts zu tun, obwohl Herr Gysi den symbolischen Besen zum Saubermachen (in der Partei) schwenkte. Es ging nicht nur aus meiner Sicht darum, das „Vermögen“ der SED, was Dank einiger sehr flexibler Akteure von Partei und Stasi „westgeldgewinnbringend“ im Westen angelegt wurde, zu retten.  Diese „Vermögen“ wurde später gegen Belohnung des Auffindens auch überall gesucht. Noch heute „sickert“ von diesem Vermögen einiges an die Oberfläche, aktuell in Österreich.

In Rumänien wurde der ehemalige Genosse Kollege Ceausescu mit einer MP-Salve zu seinen Vorfahren geschickt  – andere Länder andere Sitten.

Nun hatten wir die PDS, die nun immer noch mit den Kollegen Gregor und Hans „staatstragend“ und „alleinvertretend“ sein wollte. Es wurde vom besseren Sozialismus laut nachgedacht, obwohl inzwischen schon andere von den Alt-Oberen vom „gescheiterten Experiment“ sprachen. Auch in Strausberg am runden Tisch gab sich Mancher noch dieser Vision hin, doch die Töne wurden immer leiser. Dann war erst einmal Weihnachten und der Jahreswechsel und viele Revolutionäre machten erst einmal in Familie.

Januar 1990

Gleich in den ersten Tagen im Januar nahm ich Kontakt zu Leuten auf, nach dem Schema „wer weiß wer etwas weiß“ und suchte das, was es neben zwischenzeitlich mutigen und vermeintlich gewandelten Blockparteien noch nicht gab. Der „Ruhezustand“ in Strausberg war ja fast lähmend.

Im Oktober hatte sich ja in Schwante die SDP (noch nicht SPD)der DDR gegründet. Wo war die hier bei uns? „Fahre nach Herzfelde zum Dr. Henkel, Straße da und da und Telefonnummer.“  Also sofort angerufen, Telefon hatte man ja dank Vitamin B (das ist wieder eine andere Geschichte), und Termin gemacht. So traf man sich auf der Veranda abends beim Kurt nach seiner Sprechstunde. Zwei drei Leute waren schon da und hatten die gleiche „Diagnose“ um zum Doktor Kurt zu kommen. „Wer sind Sie und wer sind Sie“ – so erfolgte zumindest erst einmal das verbale Abtasten, man weiß ja nicht. „Ich bin der Kollege Siegfried, bis jetzt Neues Forum und ich bin der Kollege Gunter“ und „ich bin der Kollege Jürgen“ Na toll!

„Hier soll es zur SDP gehen?“ meine Frage. „Das geht schneller als wir denken, wenn man will“ so die Antwort vom Kollegen Gunter.

Um es zu erklären, der Kollege Siegfried war einige Wochen später der erste Ortsvereinsvorsitzende der SPD, Siegfried Wache, hier in Strausberg. Der Kollege Gunter wurde einige Monate später der Landrat Gunter Fritsch des Alt-Kreises Strausberg und ist jetzt als ein wenig Ergrauter Präsident des Landtages Brandenburg. Ich wusste allerdings im Januar 1990 auch noch nicht, dass ich Ende Mai zum Bürgermeister gewählt werde. Aber der Reihe nach….

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Zeitgleich kursierten Zeitungen als „ExtraBlatt“ aufgemacht. Diese Zeitungen hatten auf der Rückseite einen Coupon für eine Erklärung der Mitgliedschaft. Jeder der wollte und eine einigermaßen scharfe Schere hatte konnte nach Ausschneiden, Ausfüllen und Absenden also SPD-Mitglied werden – abenteuerlich, wenn man sich hiesige „Aufnahmeprozeduren“ der Folgezeit hier in Strausberg noch einmal ins Gedächtnis ruft. Doch auch hier wieder, der Reihe nach, das ist eine andere Geschichte.

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Aber das alles gibt Zeugnis von der Schnelligkeit der Abfolge der Ereignisse, Zeit zum Ordnen dann später!