Wie gründet man eine Partei, einen kleinen Teil davon

Noch immer Januar 1990

Wer nun aber denkt, dass die Hektik der Ereignisse eine gewisse ständige Unordnung mit sich brachte, wird enttäuscht. Das lag daran, dass ich keine scharfe Schere hatte und das „ExtraBlatt“ heute noch immer vollständig ist, man sieht lediglich das Alter dieser Zeitung von nun 19 Jahren.

Der „Diagnose-Abend“ beim Kollegen Kurt brachte natürlich die Informationen „frag den, der ruft Dich an, der wohnt dort“. Man merkte gar nicht, dass wir ohne Absprache dann schon beim vertrauten „DU“ waren. Mit diesen Infos wieder nach Strausberg ergab Spurensuche nach „den, der wohnt dort“ im mehrfachen Fall. Eigentlich kannte ich alle schon über viele Jahre, teils als Berufskollegen, teils aus der Nachbarschaft oder einfach nur so. Ganz schnell wurde ein wichtiger Treff Mitte Januar vereinbart, quasi die (Wieder)Geburtsstunde der Strausberger SPD. Dieser Treff fand beim Schlosser Kollegen Herbert statt, der auch gleich seine Nachbarn Kollege Jürgen und Kollege Frank mit da hatte. Dieser Kollege Jürgen ist dann mal später  auch 1998 Landrat geworden, als Nachfolger vom Kollegen Gunter, den der Kollege Manfred nach Potsdam holte als Minister für die brandenburgische Landwirtschaft. Wir hatten beim Kollegen Herbert ein kuschliges Plätzchen in seiner Garage, Tisch und Stühle in genügender Anzahl, die Rohre, das Arbeitsmaterial vom Kollegen Herbert scharrte unter der Füßen – egal es war spannend, fast konspirativ!

Wir sagten, wir sind wir und bilden erst einmal ein „Vorbereitungskomitee“ für die Gründung eines Ortsvereines. Eigentlich waren wir ja schon dann ein Ortsverein, aber eigentlich auch noch nicht richtig, weil wir keine Mitglieder waren. Die Coupons aus der Zeitung wollten wir auch nicht nehmen – „wegschicken, was dann?“. Also musste zumindest etwas her, was man auch „nach Hause“ tragen kann, vielleicht schwarz auf weiß. SPD-Ausweise waren nicht in Sicht und wir hatten auf einmal die „vorläufige Mitgliedskarte der SDP der DDR“ beschafft und nun hatten wir es dann schwarz auf weiß.

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Jetzt ging die Arbeit richtig los. Die Öffentlichkeit musste über unsere Gründung informiert werden, was vom „Vorbereitungskomitee“ bestehend aus den Kollegen Siegfried, Herbert, Wolfgang und Jürgen(ich) zu organisieren war. Der Kollege Wolfgang hatte eine Druckerei, Geld druckte er dort nicht, aber die Handzettel und kleinen Plakate machte er schon. Da er auch nicht von Luft und Liebe zur SPD leben konnte, langten wir alle gemeinsam in unsere zu kleinen Hosentaschen und legten das Geld für den Druck solidarisch zusammen. Für den Monat Februar 1990 war die erste öffentliche Versammlung des neu gegründeten Ortsvereins der in der Vorstadt Grundschule geplant. Es musste schnell gehen, denn den Regierenden in Ostberlin fiel ein, nachdem im Januar der Kollege Großer Helmut von Bonn nach Leipzig fuhr und etwas von „einig Vaterland“ zu den vielen Leuten sagte, dass die Volkskammerwahl im „Revolutionsjahr 1990“ schon im März sein soll.

Es musste wirklich alles sehr schnell gehen, denn im März sollte jetzt der PDS endgültig die Macht aus den Händen genommen werden. Stimmungsmäßig hatte die jetzt mittlerweile DDR-SPD dazu hochgerüstet. Fast waren die Stimmen vor Abgabe schon ausgezählt und das Ziel schien sicher, der bisherige Geschäftsführer der DDR-SPD, Kollege Ibrahim, sollte dem Kollegen Hans auf demokratischen Weg per Wahl die Macht aus den Händen reißen.

Februar 1990

Doch zuerst hatten wir unseren großen Auftritt jetzt als Ortsverein der SPD in Strausberg in der Vorstadt-Grundschule, damals POS „Bruno Kühn. Viele, eigentlich viel mehr Menschen als wir erwarteten, kamen und wollten die „Neuen“ sehen und auch testen. An diesem Abend präsentierten wir erstmals und offiziell unseren Ortsverein mit mittlerweile etwa 35 Mitglieder und Sympathisanten. Wenn der heutige Ortsverein eine solche Mitgliederzahl hätte, würde sicher der Vorsitzende vor Freude weinen!

Der Vorsitzende war dann der Kollege Siegfried, wer welche weiteren Funktionen hatte, weiß ich heute nicht mehr so genau. Mein „Arbeitsfeld“ war inzwischen das Organisieren von Druckvorlagen und Entwickeln von „griffigen“ Texten. Ich war der, der einen Computer „Commodore 128“ und einen 8-Nadeldrucker hatte, mal für einen Berg Ostmärker im Intershop gekauft. Posten und Funktionen wollte ich nicht, da ich jetzt die Möglichkeit kommen sah, ohne die besonderen Absegnungen von den mich bisher behindernden Ämtern bei Stadt und Kreis, mich in meinem Beruf selbstständig zu machen.

Da aber bei uns eh und je in der Familie der Name Brandt und auch die Berlinnähe eine Rolle spielte, lag die SPD mir näher als vormals noch die DDR-Liberalen, die inzwischen zum Bund Freier Liberalen gewandelt waren. Weil ich schon dabei bin – das waren kurz vor den Volkskammerwahlen im März 1990 die LDPD, DFP (Deutsche Forumpartei) und die F.D.P. der DDR, die sich am 12. Februar 1990 zu diesem Liberalenbündnis zusammenschlossen. Bei den Wahlen am 18.März erhielt dieses Bündnis 5,3% und hatte 21 Sitze – bescheiden.

Nach der Auftaktveranstaltung in der Vorstadt – Grundschule ging es im Rhythmus der wöchentlichen öffentlichen Versammlungen weiter. Dankenswerterweise stellte uns die Evangelische Kirche Strausberg, hier der Pfarrer Riebesel, ein Hüsum zur Verfügung. So fanden viele öffentliche Versammlungen dieser Zeit im Gemeindesaal in der Jungfernstraße statt. Bei diesen Versammlungen wurden auch von mehreren Teilnehmern Anträge zur Aufnahme in die SPD gestellt. Wir hätten noch viele Hände, und noch wichtiger, viele kluge Köpfe gebrauchen können. Doch in der kurzen Zeit unseres Bestehens hatten sich selbsternannte „Meinungsmacher“ etwas „breiter“ gemacht als Bedarf war, und es gab für mich mitunter sehr peinliche Situationen, als Leute, die zu uns „kommen“ wollten, verbal als Betonköpfe und „Nein, Sie nehmen wir nicht auf“ quasi abgestraft wurden. Das war die erste „Hürde“ im Februar 1990, über die der neue Ortsverein nur mit Verlusten gerade gewonnener Mitglieder gekommen war.

Die nächste „Hürde“ war dann am 18. März 1990 die Volkskammerwahl, das dann demnächst…