Volkskammerwahlen am 18. März 1990

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Nach unserer ersten großen SPD-Bürgerversammlung im Februar 1990 war die Stimmung trotzdem gut und alle dachten an den kommenden Höhepunkt, eigentlich den ersten als neu oder wieder entstandene Partei, der Volkskammerwahl am 18. März 1990. An diesem Tag sollte es geschehen, der Kollege Ibrahim sollte dem Kollegen Hans mit Volkes Unterstützung und Mehrheit die Macht entreißen. Wir wollten die Hand der SPD aus dem Parteiabzeichen der SED wieder zurück haben. Alle Öffentlichkeitsarbeit, das Plakatieren und Werben war darauf inhaltlich ausgerichtet.

Doch inzwischen ist der Kollege Großer Helmut viel öfter aus seinem Bonn zu uns nach Ostelbien gefahren und hat seine Kollegen von der hiesigen ehemaligen Blockpartei munter geredet. Die hatten ja im November 1989 den Kollegen Lothar zum Parteichef gemacht, und als der Kollege Hans von Kollegen Egon das „Ruder“ übernahm, war der Kollege CDU-Parteichef Lothar beim Kollegen Hans mit in der Regierung als „Minister für Kirchenfragen“. Ja, solch einen tollen Posten gab es und den gab es vorher auch schon bei den Kollegen Walter und Erich. Da der Kollege Großer Helmut aus Bonn bei uns im Osten so furchtbar mit „Deutschland einig Vaterland“ aufs Tempo drückte, kamen die Kollegen Hans-Jochen, Oscar und Willy gar nicht so richtig hinterher uns auch mal ein paar schicke Tipps für die Zukunft zu geben.

In Strausberg wurden an jeder schon mit Plakaten beklebten Stelle dann auch unsere Plakate, die wir uns selbst „geschnitzt“ hatten, geklebt. Immer stand unten drunter wie ein Impressum, wer hier die Ansager im Ortsverein sind. Und so kamen uns die Neukölner Kollegen von der dortigen SPD auf die Spur und kamen mit uns in Kontakt. Na die haben uns ganz schön was erzählt vom Schinden um die Demokratie, vom Schuften im Interesse des kleinen Mannes, Frauen und Kinder selbstverständlich auch. Da haben uns ganz schön die Köpfe geraucht von der Aussicht auf diese „Schinderei“ wenn der Kollege Ibrahim dem Kollegen Hans mit unserer Hilfe die Macht entreißt. Da ist es ja wohl ohne die angestrebte Macht einfacher – ruhiger.

Wahlplakate waren ja nicht nur da um den Leuten zu zeigen, dass wir sie gemacht haben. Die sagten schließlich auch etwas aus – eine gute Botschaft. Doch die Konkurrenz, welche auch immer, war hellwach und oft genug fehlten am Morgen die Plakate, die war am Abend vorher, nach der Arbeit, geklebt hatten. Und das Kleben fand nicht nur in Strausberg statt, mit dem Kollegen Jürgen, der später nach dem Kollegen Gunter Landrat war, fuhr ich mit meinem Zastava über die Dörfer bis nach Ringenwalde und anders wo. Die fehlenden Plakate wurden wieder ersetzt und so vergingen die wenigen Wochen bis zum 18. März wie im Flug. Es war eine total aufregende Zeit.

Da bei den letzten Wahlen 1989 doch ganz schön Schmu gemacht wurde, hatten wir uns vorgenommen, vor Ort mit dabei zu sein als Wahlhelfer im Wahllokal. Mein mir zugewiesenes Wahllokal war im „Hotel Süd“. Mit mir waren auch der Kollege Siegfried, nicht der von unserem Ortsverein, nein der von der CDU und auch der Kollege Wolfgang von meinen ehemaligen Liberalen vertreten. Es war schon merkwürdig, wie der Tag so verlief. Die Menschen gingen zu Hauf zur Wahl, es wurde sogar angestanden in Spitzenzeiten. Die einst Mächtigen in Generalsuniform kamen nun im Sonntagsanzug ganz in zivil und ganz normal, sie kamen zu Fuß mit Familie ohne schwarze Karosse und begleitende „Sicherheitsnadel“. Schön, dass es so normal geworden war – bis dahin.

Abends um 18.00 Uhr war es dann mit der ersten Aufregung vorbei und zweite und weit größere Aufregung begann ab da. Es wurden die Stimmen ausgezählt. Der Kollege Siegfried von der CDU hatte vorher irgendwie telefoniert und meinte so beiläufig, dass der Kollege Ibrahim nicht vom Kollegen Hans den Stuhl erbt, sondern dass der Kollege Lothar wohl auf der Zielgeraden prima platziert war durch die „einig Vaterland Kampagne“ vom Kollegen Großer Helmut. Bange machen gilt nicht dachte ich, der Kollege Ibrahim ist schon ein topp Macher und abgerechnet wird am Schluss. Es wäre ja gelacht, die ganze Wochen der Aufregung und Schinderei quasi umsonst und wir haben die Macht den Kollegen Lothar in den Schoß gelegt. Das auf keinen Fall!

Schon am Abend berichteten alle Sender vom „grandiosen“ Erfolg vom Kollegen Lothar, der jetzt dann nicht mehr Minister für Kirchenfragen war sondern Ministerpräsident wurde. Es wurden erst einmal einige Tage die Wunden geleckt und „Schmerzlinderung“ betrieben. Die Enttäuschung war schon ganz schön…Dann kam noch die nächste Katastrophe – der „Spiegel“ berichtete im noch März, dass der Kollege Ibrahim für die Stasi IM war. Als der Ortsverein sich traf um darüber zu reden, waren die Lücken derer, die nicht mehr kamen, sehr groß. Die Enttäuschung über das alles war bei vielen wohl noch größer und sie wandten sich ab. Das war die nächste Hürde, bei der wir etliche Mitglieder verloren – von gut 30 auf gut 20. Und das nächste wichtige Ereignis war auf Sichtweite herangekommen – die Kommunalwahl am 06. Mai 1990.

Davon dann demnächst…