Bange machen gilt nicht

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Unser Stand mit den Kollegen Wolfgang und Horst. Ich selbst mit Rücken und Mütze. 

 

 Der 18. März und die Volkskammerwahl hatte das bekannte Ergebnis und auch für Strausberg direkt eine nette Begebenheit. Das Ministerium für Nationale Verteidigung bekam einen neuen Chef – einen Pfarrer. Der fuhr zum Dienstantritt mit einem Trabbi vor und machte Quartier. Der Kollege Rainer war jetzt Minister für Abrüstung und Verteidigung und seine „politische Heimat“ war der DA (Demokratischer Aufbruch), dessen Chef er auch war, nachdem der Kollege Wolfgang als „enttarnter“ IM geschasst wurde oder sich selbst empfahl. Ob der Kollege Rainer nun ein toller Chef war weiß ich nicht. Später hatte ich einige Male mit ihm zu tun, davon dann eben später.

Die Zeit nach dem 18. März 1990 war geprägt mit vielen Terminen. Jetzt galt es – wir hatten die Nase in den „politischen Wind“ gehalten und nun schien man von uns auch etwas zu erwarten. Man erwartete, dass unsere Öffentlichkeit als jetzt wieder „mitspielende“ Partei nicht nur eine Luftblase mit heißer emotionaler Luft war. Die Kontakte mit den Neuköllner Kollegen wurden intensiviert, die Tipps waren gut und halfen. Weiterhin bekamen wir auf Kreisebene der SPD auch schon mal Besuch aus der Pfalz. Die hatten irgendwie erfahren, dass es in der Region nun wieder eine SPD gab. Man traf sich in Eggersdorf bei der Kollegin Katja und wir hatten ein, zwei tolle Tage an Erfahrungsaustausch mit den Pfälzern aus Landau. Ich hatte den Eindruck, dass das so richtige tolle Revoluzer sind, eine richtig “heiße rote Truppe” mit dem Kollegen Walter Müller, ein Urgestein der Pfälzer SPD.  Da wurde mir schon zu dieser Zeit  die Frage gestellt, “horsche mal, kannscht Dir vorstelle” , ob man sich in Strausberg eine Städtepartnerschaft mit Frankenthal/Pfalz vorstellen könnte. Aus dem Stehgreif war mir zu dieser Zeit überhaupt nicht geläufig wo denn dieses Frankenthal liegt und zu entscheiden hatten wir ja noch schon gar nichts. Die Pfälzer haben nicht nur den Bus voller SPD’ler aus der Pfalz mitgebracht, die hat man auch wieder mit zurückgenommen, nein die hatten auch jede Menge an Plakatvorlagen, Druckpapiere und ein oder zwei altersschwache Kopierer dabei. Das alles wurde bei mir abgeladen und die Garage und mein Flur im Haus war ab sofort Materiallager. 

Jetzt ging es wieder los. Es gründeten sich weiter noch andere Ortsvereine in der Nachbarschaft. Die hörten dann von der Kollegin Katja aus Eggersdorf oder vom Kollegen Gunter aus Müncheberg oder vom Kollegen Wolfgang aus Neuenhagen oder vom Kollegen Kurt aus Herzfelde, dass ich das ganze Material einschließlich Kopierer und eventuell tolle Ideen für Plakatinhalte hatte. Die haben sich nun alle auf die Strümpfe zu mir gemacht und wollten ihre Bestellungen bei mir wie bei einem Versandhaus abgeben. Nichts da, ihr müsst schon eigene Ideen haben! Ja welche, sag mal was man so an Ideen haben könnte. So sollten wir die Macht erringen und dann regieren wollen? Also bin ich mal mit meinem Zastava, der schluckte damals schon Sprit für 1,65 Ostmark, durch die Nachbarschaftsorte gefahren und habe nach Ideen gesucht und keine dort gefunden. Also habe ich mich zu Hause hingesetzt und einfach etwas entworfen oder kreiert. Vorhandene Sachen von Plakaten wurden mit einer scharfen Schere zerschnippelt und entsprechend meiner „reißerischen“  Ideen für die Plakatinhalte als Kollage zusammengeklebt. Dann kam das Werk auf den Kopierer und die Zahl 500 eingestellt und auf den Knopf gedrückt. Abends und nachts kamen die meisten Ideen, ob es die besten waren weiß ich heute nicht mehr so genau. Wenn ich Glück hatte, kam der Kopierer bis 500. Doch das war sehr selten und ich rief dann meinem Freund den Kollegen Eberhard aus Eberswalde an. Wenn der Hand an den Kopierer legte, ging der fast alleine los. Was der Kollege Eberhard für den Kopierer war, ist für manchen Kranken die Akkupunktur. Havarien hatte ich mit dem Ding fast mehr wie zusammengeklebte Druckvorlagen. Was auch an dem Ding so alles zu Bruch ging… Nach dem 6. Mai habe ich dann mit der Plunderkiste allein da gestanden und noch nicht mal mehr „Martin nahm das Ding als Futter“.

Zu den vereinbarten Abholzeiten trudelten auch alle nacheinander an und packten ihre Stapel mit „Bürgerbriefen“ oder Handzettel oder Plakaten in ihre Autos und haben dann die Bürger überzeugt doch die SPD am 6 Mai zu wählen – ganz doll. So kam auch die Kollegin Rita aus Petershagen zu mir wegen des “Petershagener Paketes”.

Wir in Strausberg bauten uns mehrfach in dieser Zeit an verschiedenen Stellen in der Stadt auf und gaben kluge Wahl-Ratschläge. Ich stellte fest, dass die nicht wenigen Menschen, die an unsere Stände kamen, durchaus interessiert waren uns kennen zu lernen und mehr von der möglichen Stadtpolitik, die wir ja ab dann im erheblichen Anteil mitgestalten wollten.

Jetzt war es auch an der Zeit, wo jeder von uns Farbe bekennen musste, weil es um die mögliche Kandidatur ging. Einige winkten ab, und hatten Bauchschmerzen oder sonst keinen Schneid. Die meisten von uns sagten nach A nun auch B und ließen sich aufstellen. Das musste ja rechtzeitig geschehen, damit wir am 6. Mai nicht vergessen werden. Meist trat Jeder in seinem Wohnbereich an und man dort “Furz und Feuerstein” kannte. Nur im Norden haben wir taktiert, weil uns klar war, dass dort die PDS gut vertreten war. Also mussten wir unseren Kollegen Rudi gut zureden dort zu kandidieren. Der war im Krankenhaus in der Gyn als Doc tätig. „Rudi, Du bist der richtige Mann dort für uns – lass die Männer ihre PDS wählen, die Frauen wählen Dich“. „Wenn Ihr meint…“  Volltreffer – der Kollege Rudi erhielt 3341 Stimmen und war „Klassenbester“. Schade, das er nicht mehr in Strausberg ist.

Aber davon dann die nächste Geschichte…