Der schwere Anfang der dann keiner wurde

Teil2

Ja wie soll es nun weiter gehen mit dem Traum von der eigenen Firma? Da ich von dieser „Niederlage“  wohl „gezeichnet“ war und auf der Arbeit kaum was zum Besten gab, kamen die Kollegen wohl darauf dass etwas nicht stimmte. Vorige Woche Hurra und heute Pleite. Nachdem im Kollegenkreis mein Desaster die Runde gemacht hatte, kam mein Kollege Udo M. auf eine tolle Idee. Diese Idee verhalf ihn auch zur gleichen Zeit zum Erlangen einer Gewerbeerlaubnis in der Fliesenbranche, na ja er war eben Bauingenieur und nicht Elektriker.

Udo M. meinte zu mir „Du must politisch richtig aktiviert werden, Du musst in die Handwerkerpartei, Du musst in die LDPD“! Ich hab ja wohl ziemlich schlecht aus der Wäsche geschaut, weil er gleich nachschob: „Ich bin neulich auch eingetreten und zwei Wochen später hatte ich meine Gewerbeerlaubnis“. Das klang so toll und so einleuchtend, dass mir über Nacht der Kopf brauste. Alle meine Bekannten und Freunde habe ich gefragt, ob die LDPD „gesundheitsschädlich“ sei und ob sie im Falle einer Mitgliedschaft mit mir noch Kontakt halten würden. Und siehe da, ich bin mit meiner Frage auch bei einigen damaligen Liberalen angekommen, Leute die ich eine halbe Ewigkeit schon gut kannte.

So bin ich dann im Frühsommer 88 in die LDPD eingetreten und war schon Liberaler, eigentlich Zweck-Liberaler, noch bevor hier im Osten die FDP aufgemacht wurde. Zu dieser Zeit war ich aber kein Liberaler mehr. Trotz nunmehriger Mitgliedschaft in der LDPD und meines vermeintlichen politischen Anschlusses an die „Eliten“ ging es mit meiner Gewerbeerlaubnis äußerst zäh von statten. Diese Hin- und Her-Spiel zwischen Bauamt Stadt und Kreis ging munter weiter, bis ich selbst als Teil des Volkes meine Volksinitiative startete, um den Knoten zu zerschlagen. Von einer Tiefbaufirma in meiner Straße kaufte ich den Rest Baumaterial von deren Werkstattbau. Der Inhaber hatte auch frisch seine Gewerbegenehmigung, wie er dazu kam mit welchen Beziehungen, bedeutet eine andere Geschichte aufzuschreiben. Dieser Rest Baumaterial war an sich viel mehr als was ich für meine 60m² Werkstatt benötigte. Nach etwa 8 Wochen war die Werkstatt im April 89 fertig gebaut und ich war froher Erwartung nun endlich als Gewerbetreibender loszulegen.

Da hatte ich wohl die Rechnung ohne die Staatsmacht in Strausberg gemacht. Der sogenannte Volkswirtschaftsplan des Kreises  für das Jahr 89 war bereits beschlossen ohne an mich und meine Firma zu denken. Zudem wurde es jetzt richtig unangenehm – ich bin zur „Klärung eines Sachverhaltes“ zum Stadtbaudirektor zitiert worden, der mir dann eröffnete, dass meine Werkstatt ein Schwarzbau sei und die Werkstatt eigentlich gar nicht da sein dürfte, weil ich ja schließlich kein Materialkontingent hätte, eben weil keine Baugenehmigung . Als ich ihm offerierte, durch welche Genossen Papiere mit deren Unterschrift das Material zur Tiefbaufirma und schlussendlich das Material bei mir gegen Bares ankam, sagte er zumindest dazu nichts mehr. Die weitere „Klärung eines Sachverhaltes“ ging dann in der Form weiter, dass ich mir vornahm „das musst Du hier überleben“ und ich stellte mich fast tot und sagte nun überhaupt nichts mehr. Das zeigte Wirkung und man entließ mich mit der Bemerkung „Sie bekommen noch Post!“

Die bekam ich etwa eine Woche später mit einer Rechnung von 150 Mark an Gebühren, eigentlich 75 Mark, weil schwarz gebaut doppelt, und der Aufforderung, die Bauunterlagen einzureichen. Das tat ich auch sehr schnell und bekam etwa im Juli/August 89 nachträglich die Baugenehmigung mit grünem Stempel.

Die Gewerbeerlaubnis bekam ich auf die Schnelle auch nicht bei dem Genossen auf dem Kreis, der fast auch so hieß, weil ich im Volkswirtschaftsplan mit meiner Firma nicht aufgenommen war. Also nun musste ich die Reißleine ziehen und ging ratsuchend zu meiner LDPD Chefin und klagte mein Leid. Man versprach Hilfe, nur nicht wann. Es begannen auch zeitgleich einige politische Festen zu wackeln. Mein großer LDPD-Chef in Berlin wurde Kritiker gegenüber dem Kollegen Erich. Als ich eines Nachts Ende August vom Telefon geweckt wurde und sich die TraPo (Transportpolizei)  Bad Schandau meldete und mir mitteilte, dass ich ein Familienangehörigen dort abholen könne, der mit Freundin und einer Plastetüte auf dem Weg in den „Urlaub nach Ungarn“ war, da war mir klar, dass das mit der Werkstatt und Gewerbe erst einmal vorbei ist, bis sich der Zorn der Staatsmacht gelegt hat.

Jetzt kam, was der Abholung aus Bad Schandau von der dortigen TraPo folgte, jede Woche fuhren wir im Wechsel zur Stasi nach Frankfurt/O. oder nach Berlin ins Polizeipräsidium zum Verhör???. Das war ein Geduldsspiel, was so lange ging, bis der von meinem LDPD-Chef in Berlin kritisierte Kollege Erich vom Kollegen Egon abgelöst wurde und das Fernsehen der DDR abends nun das „Medium Fernsehen“ war. Als dieses Erdbeben vorbei war, hatte ich Gelegenheit, meine Erlebnisse der letzten Wochen auch mal mit der hiesigen LDPD zu bereden. Was dabei rüberkam, das hat mich einigermaßen sprachlos gemacht Anfang November 89 – „Sie hätten ihre Kinder besser im Sinne des Sozialismus erziehen sollen“. Ich war einigermaßen sprachlos, doch was ich herausbekam war mein Abschied für immer von der LDPD und vom Volkswirtschaftsplan. Ich hatte erst einmal genug und fuhr dann Dank Schabowski in Ruhe nach Westberlin und zurück.

Erst einmal abwarten und schauen wie es weitergeht, es war eine äußerst spannende Zeit, jeden Tag gab es Neuigkeiten, die Ereignisse überschlugen sich und so ging das Jahr 89 zu Ende.

Die Zeit ab Anfang 1990 ist dann eine andere Geschichte..